40 Jahre Heimatmuseum Bad Sobernheim – vom Ladenlokal zum Museum der Zukunft
Herzlichen Glückwunsch, Heimatmuseum!
Am 27. September 1986 wurde im Priorhof der erste Ausstellungsraum des Heimatmuseums eröffnet. Vierzig Jahre später befindet sich das Haus erneut an einem entscheidenden Wendepunkt: Der historische Priorhof wird umfassend saniert, eine neue Ausstellung entsteht und das Museum bereitet sich auf seine Wiedereröffnung vor. Zeit für einen Blick zurück – und nach vorn.
Die Museumsgeschichte beginnt in der Großstraße
Die Geschichte des Heimatmuseums beginnt nicht erst 1986 und zunächst auch nicht im Priorhof. Ihre Anfänge liegen in einem Ladenlokal in der unteren Großstraße.
Dort wurden seit den frühen 1970er-Jahren historische Gegenstände, Dokumente und Erinnerungsstücke aus Bad Sobernheim gesammelt, geordnet und bewahrt. Das von der Stadt angemietete Ladenlokal diente als Archiv und Lager. Bernhard Schlarb, Heinz Collet, Heinz Schmitz und Josef Becker gehörten zu den Männern, die sich mit großem ehrenamtlichem Einsatz um die wachsende Sammlung kümmerten.
Noch gab es keine geeigneten Räume, in denen die zusammengetragenen Zeugnisse der Stadtgeschichte dauerhaft ausgestellt werden konnten. Aber die Idee eines Heimatmuseums war längst vorhanden: Die Geschichte Bad Sobernheims sollte nicht nur bewahrt, sondern auch öffentlich gezeigt und für kommende Generationen zugänglich gemacht werden.
Dafür brauchte es ein eigenes Haus.
Der Priorhof wird zum Museum
Mit dem Priorhof rückte eines der bedeutendsten historischen Gebäude Bad Sobernheims in den Mittelpunkt. Das 1572/73 errichtete Anwesen ist heute das älteste erhaltene profane Gebäude der Stadt.
Bereits 1937 hatte der Provinzialkonservator angeregt, dass die Stadt den Priorhof erwerben und schrittweise restaurieren sollte. Damals fehlten jedoch die finanziellen Möglichkeiten für den Kauf und die notwendige Instandsetzung.
1976 erwarb die Stadt schließlich das historische Gebäude. Von 1978 an wurde der Priorhof Schritt für Schritt restauriert und für seine neue Aufgabe vorbereitet. Aus einem sanierungsbedürftigen Anwesen sollte ein öffentlicher Ort für die Geschichte der Stadt werden.
Am 27. September 1986 war es so weit: Der erste Ausstellungsraum im Erdgeschoss wurde feierlich eröffnet. Aus der über viele Jahre gewachsenen Sammlung war ein öffentlich zugängliches Heimatmuseum geworden.
Der Priorhof vor der Sanierung im Jahr 1979
Das Museum wächst mit seinen Aufgaben
Mit der Eröffnung des ersten Raumes war die Entwicklung noch lange nicht abgeschlossen. Nach und nach wurden weitere Bereiche im Ober- und Dachgeschoss erschlossen. Mit jeder zusätzlichen Fläche entstanden neue Möglichkeiten, die unterschiedlichen Kapitel der Bad Sobernheimer Stadtgeschichte zu präsentieren.
Das Museum widmete sich der Geschichte der Stadt und ihrer Umgebung, der Archäologie sowie der Paläontologie und Geologie. Historische Objekte erzählten vom Alltag früherer Generationen, von Handwerk, Vereinen, Wirtschaft, Kultur und gesellschaftlichen Veränderungen.
Weitere Schwerpunkte entstanden rund um Emanuel Felke und die Entwicklung Bad Sobernheims zum Kurort, um Katharina Schroth und die Schroth-Methode sowie um die jüdische Unternehmerfamilie Marum und ihre Strumpffabriken.
Zahlreiche Sonderausstellungen erweiterten das Spektrum. Sie beschäftigten sich mit regionaler Kunst und Musik, religiösem Leben, Vereinsgeschichte, Naturheilkunde, Archäologie und bedeutenden Persönlichkeiten. Auch schwierige Kapitel wie die Verfolgung und Vernichtung jüdischen Lebens gehörten zur Museumsarbeit.
Damit wurde deutlich: Heimatgeschichte ist weit mehr als die Erinnerung an eine vermeintlich gute alte Zeit. Zu ihr gehören Aufbruch und Erfolg ebenso wie Verlust, Verfolgung und gesellschaftlicher Wandel.
Ein historisches Ensemble entsteht
Im Laufe der Jahre entwickelte sich nicht nur die Ausstellung weiter. Auch das historische Ensemble rund um den Priorhof wuchs.
Die angrenzende Scheune wurde in mehreren Bauabschnitten ausgebaut. Nach Abschluss der Arbeiten konnten dort 2007 die Dauerausstellungen über Katharina Schroth und die Familie Marum eröffnet werden. Zwei bedeutende Kapitel der Bad Sobernheimer Gesundheits-, Wirtschafts-, Familien- und jüdischen Geschichte erhielten damit einen dauerhaften Platz.
2001 wurde im Garten des Priorhofs eine historische Felke-Lufthütte eingeweiht. Sie erinnert an die Naturheilkunde Emanuel Felkes und an die besondere Bedeutung der Elemente Licht, Luft, Wasser und Erde innerhalb seiner Behandlungsmethoden.
Der Heilpflanzengarten ergänzte dieses Thema. Seit 2015 wurde er neu angelegt und 2018 konzeptionell weiterentwickelt. So entstand ein Lern- und Aufenthaltsort, an dem sich Geschichte nicht nur betrachten, sondern auch riechen, fühlen und erleben lässt.
Auch das Pförtnerhäuschen gehört zur Geschichte des Museumsensembles. Nach seiner Sanierung wurde es 2011 eingeweiht. Bei Festen, Veranstaltungen und Begegnungsformaten erhielt es eine neue Funktion.
Museum, Scheune, Hof, Garten, Lufthütte und Pförtnerhäuschen bilden heute gemeinsam einen besonderen historischen Ort mitten in Bad Sobernheim.
Wolfgang Heimer prägt eine ganze Epoche
Untrennbar mit der Geschichte des Heimatmuseums verbunden ist Wolfgang Heimer. Zunächst kümmerte er sich als Hausmeister um den Priorhof. Gemeinsam mit seiner Frau Gudrun lebte er im Gebäude und übernahm zunehmend Verantwortung für das Museum.
Nach dem Tod von Josef Becker bildeten Heinz Schmitz und Wolfgang Heimer eine ehrenamtliche Doppelspitze. Im Jahr 2000 wurde Heimer offiziell zum Museumsleiter berufen.
Sein außergewöhnliches persönliches Engagement prägte das Museum über viele Jahre. Für ihn war der Priorhof weit mehr als ein Arbeitsplatz. Er kannte das Gebäude, die Sammlung und viele der Geschichten, die mit den Objekten verbunden waren. Er organisierte Ausstellungen, betreute Besucherinnen und Besucher und setzte sich mit großer Beharrlichkeit für den Erhalt und die Weiterentwicklung des Hauses ein.
Wolfgang Heimer und Heinz Schmitz erhielten 1996 die Felke-Gedenkmedaille für ihr ehrenamtliches Engagement. 2001 wurde Heimer mit dem „Goldenen Herz“, dem Kulturpreis der Stadt Bad Sobernheim, ausgezeichnet. 2011 erhielt er den Stadtehrenring.
Diese Ehrungen würdigten seine besonderen Verdienste. Zugleich stehen sie stellvertretend für die vielen Menschen, die das Heimatmuseum über Jahrzehnte ehrenamtlich getragen haben.
Mit Wolfgang Heimers Tod im Jahr 2012 endete eine prägende Epoche. Gleichzeitig stellte sich die Frage, wie das gewachsene Museum in die Zukunft geführt werden konnte.
Wolfgang Heimer, langjähriger Museumsleiter und prägende Persönlichkeit
2013 beginnt der Wandel
Im Jahr 2013 übernahm die Kunsthistorikerin Anke Wiechert die Leitung des Heimatmuseums – zunächst mit einem kleinen Stundenumfang.
Damit begann kein Bruch mit der Vergangenheit. Das Wissen, die Erfahrungen und das Engagement der Ehrenamtlichen blieben eine unverzichtbare Grundlage. Gleichzeitig öffnete sich der Weg zu einer schrittweisen Modernisierung und Professionalisierung der Museumsarbeit.
Neue Strukturen entstanden, Kooperationen wurden aufgebaut und das Veranstaltungs- und Vermittlungsangebot weiterentwickelt. Aus einem zunächst kleinen Kreis engagierter Menschen wuchs ein neues ehrenamtliches Team, aus dem sich die heutige Donnerstagsrunde entwickelte.
Hier wird nicht nur praktisch geholfen. Die Beteiligten recherchieren, diskutieren, entwickeln Inhalte und übernehmen gemeinsam Verantwortung für die Museumsarbeit.
Das Heimatmuseum öffnete sich zunehmend nach außen. Historische Stadtführungen, Wandelkonzerte, Vorträge, Lesungen, Kinderprojekte, die Wein-Kultur-Tour, der Dämmerschoppen und zahlreiche weitere Formate brachten Stadtgeschichte an unterschiedliche Orte und zu neuen Zielgruppen.
Ausstellungen verließen den Priorhof und wurden beispielsweise in der TV-Halle, am Barfußpfad, vor dem Rathaus oder rund um den Marktplatz gezeigt. Das Museum blieb dadurch auch während der sanierungsbedingten Schließung im öffentlichen Leben präsent.
Seit 2013 leitet die Kunsthistorikerin Anke Wiechert das Heimatmuseum
Beteiligung wird zum Grundprinzip
Die Menschen der Stadt sollten nicht nur Gäste des Museums sein. Sie sollten ihre Erinnerungen, Erfahrungen, Objekte und Ideen einbringen können.
Partizipative Projekte wie die „Schulgeschichte(n) der Felkestadt“ oder die Ausstellung „Ohne Ehrenamt wird’s brenzlig“ entstanden gemeinsam mit Bürgerinnen und Bürgern, Vereinen, Schulen, Kindern und Jugendlichen. Während der Corona-Zeit blieb das Museum mit digitalen Rundgängen, „Uff de Deck“ und weiteren dezentralen Formaten sichtbar.
2018 wurde der Förderverein „Freunde des Heimatmuseums Bad Sobernheim e. V.“ gegründet. Er schuf eine weitere verlässliche Unterstützungsstruktur und machte deutlich, dass die Zukunft des Museums als Gemeinschaftsaufgabe verstanden wird.
Gernot Schauß wird Vorsitzender des Fördervereins “Freunde des Heimatmuseums Bad Sobernheim e.V.”
Im November 2025 begann mit „40 Jahre – 40 Objekte“ ein weiterer großer Beteiligungsprozess. Menschen aus der Stadt brachten Gegenstände, Erinnerungen und Geschichten ein, die für sie mit Bad Sobernheim verbunden sind. Denn Stadtgeschichte entsteht nicht allein im Depot. Sie entsteht durch das, was Menschen erlebt haben und für bewahrenswert halten.
Was soll ein Heimatmuseum heute sein?
Die Neuausrichtung beschränkte sich nicht auf neue Veranstaltungen und Projekte. Immer stärker rückte eine grundsätzliche Frage in den Mittelpunkt: Welche Aufgaben soll ein Heimatmuseum heute übernehmen?
Die Teilnahme am Programm „Change Vision – Museen im Wandel“ ermöglichte es, den Veränderungsprozess systematisch zu betrachten und externe Impulse aufzunehmen.
Dabei wurde deutlich, dass Wandel nicht allein eine Frage neuer Räume oder moderner Ausstellungstechnik ist. Er betrifft die Haltung des gesamten Hauses: Wie offen ist das Museum? Wer entscheidet, welche Geschichten erzählt werden? Welche Perspektiven kommen zu Wort? Wer kann mitwirken? Und wie lassen sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander verbinden?
2019 wurden diese Fragen mit der Ausstellung „Museum – quo vadis?“ und einer öffentlichen Projektschmiede in die Stadtgesellschaft getragen. Bürgerinnen und Bürger konnten ihre Wünsche, Erwartungen und Ideen für die Zukunft des Museums einbringen.
Der Wandel entstand damit nicht hinter verschlossenen Türen, sondern im Austausch mit den Menschen der Stadt.
Fokus Felkestadt – gestern, heute, morgen
Im anschließenden Leitbildprozess entwickelte sich die Leitidee „Fokus Felkestadt – gestern, heute, morgen“.
Sie verbindet die Bewahrung des historischen Erbes mit aktuellen Fragen und einem gemeinsamen Blick in die Zukunft. Das neue Heimatmuseum soll kein statischer Erinnerungsort sein. Es soll ein lebendiges Forum für die Stadtgesellschaft werden – ein Ort der Bildung, der Begegnung, des Dialogs und der Beteiligung.
Professionalisierung bedeutet dabei nicht, das ehrenamtliche Engagement zu ersetzen. Vielmehr geht es darum, vorhandenes Wissen und Engagement durch verlässliche Strukturen, fachliche Begleitung und eine langfristige Perspektive zu stärken.
Ein Riss verändert die Planung
Parallel zur inhaltlichen Weiterentwicklung wurde deutlich, dass auch das historische Gebäude grundlegend erneuert werden musste.
Ein 2016 entdeckter Riss zeigte, dass der Sanierungsbedarf erheblich größer war als zunächst angenommen. Einzelne Reparaturen würden nicht ausreichen.
Damit begann ein neuer Planungsprozess. Es gelang, den Priorhof in die Städtebauförderung „Aktive Stadt“ aufzunehmen und so die Grundlage für eine umfassende Sanierung zu schaffen.
Die 2020 vorgestellte Nutzungs- und Machbarkeitsstudie bündelte die räumlichen, funktionalen und konzeptionellen Anforderungen. Nun ging es nicht mehr allein darum, Schäden zu beseitigen. Der Priorhof sollte als historisches Gebäude gesichert und gleichzeitig als zeitgemäßes Museum neu gedacht werden.
Ein neues Erscheinungsbild mit Logo und den Farben Magenta, Cyan, Yellow und Green machte den Wandel seit 2022 auch nach außen sichtbar. Seit Oktober 2025 verfügt das Museum zudem über eine eigene Webseite und eigene Social-Media-Kanäle. Dadurch kann die Öffentlichkeit den Veränderungsprozess bereits vor der Wiedereröffnung begleiten.
Der Priorhof wird fit für die Zukunft
Seit 2024 wird der Priorhof umfassend saniert. Historische Bausubstanz wird bewahrt, technische und funktionale Voraussetzungen werden verbessert und neue Zugänge geschaffen.
Ein von der Birke-Stiftung gestifteter Aufzug leistet einen entscheidenden Beitrag zur barrierearmen Erschließung des Gebäudes.
Die Sanierung folgt klaren Leitplanken: Der besondere Charakter des denkmalgeschützten Hauses soll erhalten bleiben. Gleichzeitig soll das Museum für möglichst viele Menschen zugänglich werden. Es soll Orientierung bieten, unterschiedliche Perspektiven zulassen, Beteiligung ermöglichen und seine vielfältigen Aufgaben dauerhaft erfüllen können.
August 2024 - die Sanierung beginnt
Eine neue Besucherreise entsteht
Während die Bauarbeiten fortschreiten, wird parallel an der neuen Ausstellung gearbeitet.
Die künftige Besucherreise führt durch die Geschichte des Priorhofs und des Heimatmuseums, stellt besondere Objekte und Persönlichkeiten vor und nimmt die Stimmen der Stadtgesellschaft auf. Ein Museumslabor, unterschiedliche mediale und sinnliche Zugänge sowie Möglichkeiten zum eigenen Mitmachen sollen Geschichte verständlich, lebendig und persönlich erfahrbar machen.
Die Wiedereröffnung wird erfolgen, sobald die gesamte Sanierungsmaßnahme einschließlich der Außenanlagen abgeschlossen und das Haus für seine Besucherinnen und Besucher bereit ist.
Dann beginnt ein weiteres Kapitel in der Geschichte des Heimatmuseums.
Ideen zur Neugestaltung
Ein Museum für die ganze Stadt
Die Besucherinnen und Besucher dürfen sich auf ein Museum freuen, das seine Wurzeln kennt und zugleich offen in die Zukunft blickt.
Es bewahrt die Erinnerung an die Menschen, die vor Jahrzehnten in einem Ladenlokal in der Großstraße mit dem Sammeln begannen. Es würdigt diejenigen, die den Priorhof restaurierten, Ausstellungen aufbauten und das Haus mit großem ehrenamtlichem Engagement erfüllten.
Gleichzeitig schafft es Raum für neue Geschichten, neue Fragen und neue Beteiligte.
Wer diesen Weg unterstützen oder selbst mitgestalten möchte, ist herzlich willkommen. Denn das neue Heimatmuseum entsteht nicht allein für die Menschen in Bad Sobernheim, sondern gemeinsam mit ihnen.